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Ganzjährige Naturschutzbeweidung

Heckrinder im SchneeHeckrinder im Schnee

Ein Heckrind frisst HeuZufütterung von Heu im Winter

Heckrinder im Winter auf der Weide

Ganzjährige Naturschutzbeweidung wird in unterschiedlichen Projekten schon seit einigen Jahren praktiziert. Hierbei überwiegen „großflächige“ Beweidungsysteme, wobei Großflächigekeit natürlich relativ ist und vor dem regionalen Hintergrund und immer im Wechselspiel von Besatzdichte, Flächenproduktivität und -ausstattung gesehen werden muss. Die Literaturliste auf dieser Website stellt einige Publikationen zu praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Ergebnissen vor.

Praktische Umsetzung

Die Erfahrungen mit ganzjähriger Beweidung sind weitgehend positiv. Die ganzjährige Naturschutzbeweidung stellt hohe Anforderung an die Robustheit der Rassen bezüglich Nahrungsgrundlagen und Witterung. Entgegen teilweise vorgebrachten Befürchtungen, sind die i.d.R. ausgewählten (alten) robusten Haustierrassen sehr gut in der Lage mit den energieärmeren Nahrungsgrundlagen und zeitweise widrigen Witterungsbedingungen zurechtzukommen.

Die Tiere können bei Bedarf durch Maßnahmen unterstützt werden. Zufütterung im Winter unterstützt bei ungünstigem Nahrungsangebot die Ernährung der Tiere, Wetterextrema wie sehr kalte Winter oder Zeiträume intensiver Sonneneinstrahlung können durch bauliche Einrichtungen gemindert werden. Meist bieten die naturbelassenen Weideflächen, wenn z.B. Waldgebiete integriert sind, jedoch ausreichend Schutz. Aufgrund der freien Haltung treten parasitische Erkrankungen stärker auf, als in der intensiven Stallhaltung, was mit Gegenmaßnahmen kontrolliert werden kann.

Die Betreiber von Projekten müssen sich mit der aktuellen Rechtgebung (z.B. Seuchenschutz, Tierschutz) auseinandersetzen, welche stark an traditionellen Tierhaltungen orientiert ist und daher oft - widersprüchlich - einer naturnäheren Haltung im Wege steht.

Auswirkungen auf Lebensraum, Vegetation und Tierpopulationen

Durchweg positiv sind die Auswirkungen auf den Lebensraum. Meist ist die Intention zur ganzjährigen Beweidung eine Naturschutzmaßnahme, die den Erhalt oder die Restauration hochwertiger Lebensräume. Gründe für den Verlust oder die Verschlechterung naturschutzfachlich hochwertige Lebensräume sind zumeist die Aufgabe traditioneller Nutzungsformen oder aber das bereits etablierte “Pflegemaßnahmen” des Naturschutzes finanziell nicht mehr getragen werden können. Es zeigt sich, dass vor allem die Heterogenität des Lebensraumes erhöht wird und verschiedene Lebensräume neu im Habitatspektrum auftreten, die durch häufige Störung gekennzeichnet sind. Sowohl faunistisch, als auch floristisch treten dadurch Änderungen im Artenspektrum auf. Einige Arten treten hinzu, andere verschwinden Arten durch die Beweidung.

Aue mit GrünlandHabitatdiversität in einer beweideten Aue

Die Veränderungen im Artenspektrum sind nicht immer leicht zu bewerten, jedoch konnte bisher nie ein ausschließlich negativer Effekt der ganzjährigen Beweidung beobachtet werden. Im Gegenteil: für Amphibien konnte der positive Effekt von ganzjähriger Beweidung mehrfach in Untersuchungen belegt werden. So halten Pferde und Rinder die Ufervegetation an Laichgewässern kurz, was sich positiv auf die Prädatorenreduktion und die Erwärmung der Gewässer auswirkt. In wassergefüllten Trittsiegeln und Bodenverwundungen laichen Gelbbauchunken. Ohne die Beweidung wuchern diese Kleinstgewässer zu und sind nicht mehr als Laichplatz geeignet (Reisinger 2007). Die für Amphibien bedeutsame Lebensraumdynamik von Auen in Form fortwährender Schaffung bedeutsamer Lebensraumstrukturen kann durch extensive, ganzjährige Beweidungssysteme imitiert werden.

Im Falle ehemals verbrachter Lebensräume können nach einigen Jahren die ursprünglichen Pflanzengesellschaften wieder hergestellt und negative Entwicklungen aufgehalten werden. Insbesondere für den Erhalt des Charakters von Auenlandschaften, mit Lebensräumen, die ohnehin von Störungen und Dynamik gekennzeichnet sind, eignen sich ganzjährige Beweidungssysteme mit niedrigen Besatzdichten. Hierbei kommt besonders dem Aspekt Ganzjährigkeit der Beweidung Bedeutung zu, da die Tierrassen je nach Jahreszeit unterschiedliche Teillebensräume nutzen und unterschiedliche Pflanzenarten verbeißen. Dies wirkt sich positiv auf Tier- und Pflanzenwelt aus.

Wirtschaftlichkeit, Ausblick

Die ganzjährigen Beweidungsprojekte können zur Zeit dem Tierhalter/Landwirt nur in Ausnahmefällen als Vollerwerb dienen. Diese Ausnahmen bilden unter Umständen sehr große Flächen in günstigen Klimaten, wo trotz geringer Besatzdichte große Herden bei geringen Unterhaltungskosten geweidet werden können. Bei den Beweidungsprojekten steht grundsätzlich der Naturschutzaspekt im Vordergrund und folglich müssen z.B. Bestandsstärken so niedrig gehalten werden, dass die Lebensräume nicht geschädigt werden. Dadurch sind die Erträge pro Flächeneinheit verglichen mit konventioneller Landwirtschaft gering. Es darf aber nicht vergessen werden, das die genutzen Flächen meist aus der konventionellen Nutzung genommen wurden, weil sie konventionell nicht lukrativ zu bewirtschaften waren. Ergänzend sind auch die Robusttierrassen nicht so ertragsreich (Fleischaufbau, Milchleistung) wie hochgezüchtete Tierrassen der konventionellen Landwirtschaft.

Dennoch ist die Gesamtbilanz derartiger Projekte deutlich besser als bisherige Maßnahmen der reinen Biotoppflege. Im Zuge veränderten Konsumverhaltens (Nachfrage nach “Biolebensmitteln”) birgt diese Produktion biologischer Erzeugnisse noch ein hohes wirtschaftliches Potential in sich.

Ein positiver Nebeneffekt der ganzjährigen Naturschutzbeweidung ist die hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und damit allgemein für Maßnahmen des Naturschutzes in unserer Kulturlandschaft.


Weideprojekte in Hessen – Online
Quelle: http://www.weideprojekte-hessen.de/forschung/naturschutzbeweidung/ [Stand: 21.07.2017]
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